Tag 3: Unverständnis und Aktionismus

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Wenn draußen ja nicht die Sonne scheinen würde…
Die Kids spielen draußen auf dem Hof. Dieser befindet sich nahe der Innenstadt in einer mittelgroßen Stadt im Ruhrgebiet. Wir stellen nun immer die Mülltonnen an den Rand der Einfahrt, da der Hof sonst immer zum Wenden von wirklich sehr vielen Autos in der Stunde benutzt wird. Auf der anderen Seite unserer Spielstraße ist ein Discounter und nur wenige Parkplätze.

5 Sekunden nachdem wir den Mülleimer wieder weggeräumt haben, wendet das nächste Auto in unserem Hof. Wie immer. Mit Kindern rechnet um diese Uhrzeit ja niemand.v Es ist, als ob sich dort draußen bei den Menschen rein gar nichts geändert hat. Es ist so viel los wie immer.

Ein Foto aus der lokalen Zeitung von gestern macht mich nahezu fassungslos. Senioren sitzen dicht gedrängt in Straßencafés, genießen Cappuccino und Sonne. Die heute im Supermarkt aufgeschnappten Gespräche passen dazu: Mehr Kritik an den Maßnahmen, die einige als viel zu intensiv ansehen und man alles nicht so ernst nehmen sollte. Während wir das tatsächlich tun und nicht wissen, wie wir die Kids bespielt bekommen.

Denn auch das stellt sich bei uns ein: Lehrer von K1 hat sich noch gar nicht gerührt und Lehrkraft von K2 hat zum Ende der letzten Woche Arbeitshefte verteilt. That’s it. Mehr alleine gelassen kann man sich nicht fühlen. Jaja, ich weiß, Pragmatismus ist gefragt.

Und Fundraising?
Auf dem Weg zur Wohnung ziehe ich ein Mailing aus dem Briefkasten. Von meinem alten Arbeitgeber. Es ist ein Hauslistenmailing in wunderschönem und ansprechendem Osterlook. Nicht aufwändig, aber es wirkt wie aus der Zeit gefallen. Hätte ich die Aussendung gestoppt? Vermutlich nicht. Ich hätte es auch versendet und gehofft. Es war halt bestimmt vorbereitet, hat zig Korrekturschleifen durchgemacht und musste einfach raus.

Gestern Abend auf Instagram habe ich die Diskussionen unter einem NABU-Post ohne Corona-Inhalt verfolgt. Von Zustimmung, gerade jetzt auf die Tierschutzsituation aufmerksam zu machen bis hin zu tiefer Ablehnung (Man habe ja nun anderes im Sinn.) war alles zu lesen.

Eine sehr enge Freundin von uns ist aktuell in Afrika für eine Organisation im Feld. Ob sie die Rückrufaktion - falls sie überhaupt für Nicht-Urlauber gilt - annimmt, das wissen wir noch nicht. Wir warten auf ein Signal und wissen hoffentlich morgen schon mehr.

Das wird sich alles noch einrütteln, denn wir werden sehr viel Zeit haben. Es bleibt spannend. Seit heute ist auch meine Frau im Homeoffice angekommen. Nun sitzen wir zu Zweit vor dem jeweiligen Rechner, wie vermutlich Hunderttausende auch. Telefone klingeln, Mails werden geschickt, Teams (bei ihr), Slack (bei mir) glüht und es werden Lösungen gefunden, analoge Veranstaltungen zu digitalisieren. Manchmal steckt aus meiner Sicht viel Aktionismus dahinter, manchmal könnte aber gerade das die Chance sein, Dinge auch längerfristig zu ändern. In der Hoffnung, dass vieles nachhaltig bleibt und sich nicht mehr zurück bewegt.

Heute Abend wird dann die Kanzlerin sagen, dass wir das noch länger tun müssen, es aber auch schaffen werden.

Die Schweiz überlegt, Netflix abzuschalten. Dann wiederum wäre wirklich Krise ;-).

Bis morgen.

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